Kapitel 1 – Die Überfahrt
Hallig Südfall • Vor dem weiten Panoramafenster stehen Lisa (42) und Martino (48), den Blick gemeinsam hinaus auf die Weite der Nordsee gerichtet. Lisas Rücken schmiegt sich eng an Martinos feste Brust, getragen von einer ruhigen, selbstverständlichen Nähe. Mit beiden Händen umschließt sie die bauchige, große Keramiktasse, aus der zarte Dampfschwaden emporsteigen, die sie kurz vorher von Martino gereicht bekommen hat. Auf der kräftig roten Außenseite prangt in klaren, weißen Lettern das Wort Herzens-wärmer, während die Innenseite der Tasse schlicht weiß gehalten ist. Zwischen ihren Handflächen pulsiert die Hitze des frischen Kakaos, dessen sattes Aroma sich unmittelbar mit der kühlen Süße geschlagener Sahne und dem herben Hauch von Zimt vermischt – ein Duft, der sowohl in Lisas als auch in Martinos Nase steigt und die noch kühle Luft um sie herum verdrängt. Martino hat seine Arme schützend um sie geschlungen, spürt den dicken, anschmiegsamen Stoff ihres bunten Wollpullovers, der so weich und behaglich wirkt, als stamme er geradewegs aus einer festlichen Weihnachtswerbung. Dazu trägt sie eine schlichte Leggings und dicke, wärmende Wollsocken, die den Bodenkontakt dämpfen.
Oben im rechten Bereich des Glases, noch vor der senkrechten Trennlinie, die die großen Scheibe von der jleineren absetzt, leuchten die dezenten Ziffern der digitalen Anzeige im Glas: Draußen herrschen klirrende minus vier Grad, während die Innenanzeige noch kühle vierzehn Grad misst. Direkt daneben stehen das Datum, der 05. November 2040, und die voranschreitende Uhrzeit: 16:24.
Hinter ihnen, im weitläufigen Wohn- und Küchenbereich, herrscht lebendige Unruhe. Die sechsjährige Marie und der vierjährige Olaf, deren Hautfarbe eine harmonische Mischung aus Lisas dunklerem und Martinos hellem Teint bildet, toben ausgelassen mit Idefix umher. Der Jack-Russell-Terrier saust mit kurzen, flinken Pfotentritten zwischen den Kindern hindurch. Unbeeindruckt von dem Trubel hat es sich die tierische Gemeinschaft auf den Polstern des Sofas bequem gemacht: Die Siamkatze Shila, der Ocicat-Kater Morle und Emma, das kleine Kitten der beiden, liegen dort eng aneinandergekuschelt und dösen friedlich vor sich hin.
Aus den bündig eingelassenen Lautsprechern oben in der Decke und unten im Fußboden ertönt ein Raumklang fröhlicher Melodien. Die Klänge tragen bereits eine unverkennbar weihnachtliche Note in sich, obwohl der November gerade erst begonnen hat – es ist jenes vertraute, wohlige Einstimmen, das Herantasten und Vorbereiten auf das große Fest im Dezember.
Lisa hat gerade den ersten Schluck des Kakaos gekostet. An ihren Lippen haftet ein kleiner Rest weißer Sahne, denn Martino hat ihr den Becher vorhin nicht überreicht, ohne ihn zuvor mit einer üppigen, gleichmäßig mit feinem Zimt bestäubten Sahnehaube zu krönen. Sie schmeckt die Verbindung aus kräftiger Schokolade, kühlem Schmelz und der feinen Würze, lässt die Aromen auf der Zunge zergehen und schließt genießerisch die Augen. Ihr Kopf ruht dabei schwer und geborgen an Martinos Brust. Er neigt sich leicht herab, drückt ihr einen behutsamen Kuss auf das Haupt, der ihre Mundwinkel unwillkürlich nach oben wandern lässt, und bettet seinen Kopf anschließend sachte an den ihren.
Einen Moment später hebt Lisa den Kopf wieder ein Stück weit von seiner Brust, um erneut an der Tasse anzusetzen. Sie nimmt noch einen Schluck der heißen Flüssigkeit, und unweigerlich taucht dabei ihre Nasenspitze mitten in die weiche Sahnehaube ein. Als sie den Becher langsam senkt und der süße Geschmack warm durch ihren Mund und ihre Kehle hinabgleitet, spürt sie das kühle Gewicht des kleinen Sahnetupfers ganz vorne auf der Nase. Konzentriert und mit spürbarer Verzweiflung streckt sie die Zunge heraus, windet sie nach oben, um den Fleck selbst zu erwischen – doch die Nasenspitze bleibt unerreichbar. Mit betont verzogenem Gesicht und einem gespielten Schmollen stößt sie Martino leicht mit dem Ellenbogen an, als trage er mit seiner großzügigen Sahneportion die alleinige Schuld an diesem Missgeschick.
Martino blickt zunächst etwas irritiert und fragend zu ihr hinab, doch sein Blick wandert schnell zu dem weißen Klecks auf ihrer Nasenspitze. Ein lautloses Verstehen legt sich auf seine Züge. Sanft beugt er sich zu ihr und setzt seine Lippen genau dorthin, um den Sahnetupfer mit einem Kuss von ihrer Nase verschwinden zu lassen. Als er sich minimal zurückzieht, treffen Lisas leuchtend grüne Augen unmittelbar auf Martinos beruhigende, braun-grüne Iriden. Still, umfangen von der Musik und dem fernen Rauschen der See hinter dem Glas, verharren sie für einen langen, ungeteilten Augenblick in dieser gemeinsamen Intimität.
Wichtige Info: Es handelt sich hier um die reine Rohfassung, die im Inhalt schon fest steht, aber später noch entsprechend angepasst werden könnte.

Interessanter Anfang, bin gespannt wie es weiter geht 🧐☺️